Ist die Gesellschaft tatsächlich so gespalten wie behauptet? Welchen Anteil haben die Medien daran, das Bild von den Gräben zu transportieren? Und was macht das mit der Gesellschaft? Diesen Fragen ist die Kölner Journalisten-Vereinigung (KJV) Ende Februar bei einer sonntäglichen Matinee im Literaturhaus zusammen mit rund 70 Besucherinnen und Besuchern nachgegangen.

Literaturhaus Köln. Foto: Jan Knoff
Moderator Melvin Schwertel konnte auf dem Podium zwei Gäste begrüßen: Annika Schneider, die als Redakteurin bei Übermedien kritisch auf journalistische Arbeit schaut. Und German Neubaum, Juniorprofessor für Psychologie an der Uni Duisburg-Essen, der sich mit Meinungsbildung und gesellschaftlicher Teilhabe durch soziale Medien beschäftigt. Aus Berlin zugeschaltet war Gilda Sahebi, Journalistin und Autorin des Buchs „Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“.
„Wir ordnen die Welt durch Erzählungen“, erklärte Sahebi. Dazu zähle auch Gruppendenken. Gefährlich werde es, wenn dies politisch instrumentalisiert würde. Spaltungserzählungen dienten schon immer der Macht, stellten Sahebi und Neubaum übereinstimmend fest. Je nach Studie glauben bis zu 80 Prozent der Deutschen, dass die Gesellschaft gespalten ist. Mehr als 50 Prozent sehen zwei unüberbrückbare Lager.
Diese wahrgenommene Polarisierung entspreche nicht der tatsächlichen, machte Neubaum deutlich. Es gebe eine starke Mitte. Auch heftige Social-Media-Diskussionen seien kein Beleg für Polarisierung, weil sich nur etwa 25 Prozent der Nutzenden aktiv beteiligen. „Deren Trigger ist häufig: Ich teile diese Meinung nicht.“ Der Streit führe zu einer verzerrten Wahrnehmung, weil man vom Kleinen aufs Große und damit auf das allgemeine Meinungsklima schließe.
„Es macht etwas mit einem“, wenn man dauernd von Spaltung liest und hört. Das ist die Erfahrung von Annika Schneider, die beruflich Medien wie Nius folgt. Beunruhigend sei, dass andere Medien dieses Narrativ immer stärker aufnähmen. „Das sickert ein“ und führe zu „festen gesellschaftlichen Deutungsmustern“.
Auch in Redaktionen hinterließen wütende Mails zu einem Thema wie Migration ihre Spuren, beobachtet Sahebi. Ungeachtet dessen, dass es die immer gleichen seien, die diese Mails schrieben. Annika Schneider stimmte zu: Das Feedback werde in Redaktionen oft als Stimmungsbild der gesellschaftlichen Mehrheit wahrgenommen.
„Wir dürfen Journalistinnen und Journalisten nicht aus der Verantwortung entlassen. Redaktionen bestimmen ja auch den Diskurs“, forderte Schneider. Medienschaffende müssten „eine andere Debatte führen. Nicht, ob etwas rechts oder links ist, sondern: Was ist handwerklich gut gemacht?“ Journalismus habe die Aufgabe, mit Fakten Grundlage für Meinungsbildung schaffen. Eine „Riesenchance“ liege darin, eine Vielzahl von Perspektiven darzustellen, Zwischentöne auszuleuchten und – im Sinne des konstruktiven Journalismus – Lösungen aufzuzeigen. Beeindruckend seien zudem oft persönliche Geschichten.
Deren Wirkmacht, um Gräben zu überwinden, betonte auch Neubaum. Entsprechend der Interessengruppen-Kontakt-These ließen sich Ressentiments abbauen, wenn Betroffene Zugang zu anderen Lebenswelten bekommen.
Neubaum warnte vor einem beobachtbaren Langzeittrend infolge algorithmischer Belohnungsstrukturen: „Moral und Emotionalisierung, die sowieso gut geeignet sind, um Menschen zu aktivieren, werden verstärkt. Das heißt, langfristig verändert sich unsere Sozialisierung.“ Allerdings könne der Mensch auch lernen, damit besser umzugehen. Das erfordere aber mehr als reine Medienkompetenz. „Es braucht auch Regulierung, und wir müssen lernen, besonnen zu reagieren.“
Informationen bereitstellen, aber auch kritisch bewerten und strukturelle Verantwortlichkeiten aufzeigen – das sind Sahebis Erwartungen an den Journalismus. Kurz gesagt: „Machtkritik – wo das nicht klappt, entsteht Autoritarismus.“
Die Diskussion machte deutlich, dass Medien, soziale Plattformen und politische Akteurinnen und Akteure in einem System gegenseitiger Verstärkung agieren. Journalismus kann Polarisierung nicht allein auflösen, trägt aber erheblich dazu bei, Wahrnehmungen zu prägen – sei es durch Vereinfachung und Zuspitzung oder durch Kontext, Dialog und Vielfalt.|| Corinna Blümel
