Auf den Spuren jüdischen Lebens in Köln

Kopfbedeckung für die Männer war Pflicht bei diesen beiden Terminen: Die Kölner Journalisten-Vereinigung (KJV) hat sich im Oktober bei zwei Besuchen mit jeweils rund 20 Kolleginnen und Kollegen auf die Spuren jüdischen Lebens in Köln begeben. Ziele waren am 11. Oktober der Jüdische Friedhof in Köln-Deutz und am 18. Oktober die Synagoge in der Roonstraße.

Adam Lehrer im Gespräch mit der Besuchergruppe der KJV. Foto: Corinna Blümel

Gewicht bekam vor allem der Besuch in der Synagoge nicht nur wegen der zeitlichen Nähe zum bundesweiten Gedenken an den 80. Jahrestag der Progrome am 9. November 1938. Dank der guten Beziehungen von KJV-Mitglied Constantin von Hoensbroech und seiner Frau Ulrike empfing ein hochrangiger Gesprächspartner die Journalistinnen und Journalisten der KJV: Adam Lehrer ist Mitglied im Vorstand der Synagogengemeinde Köln (SGK) und stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Juden.

Adam Lehrer erzählte von der bewegten Geschichte der Kölner Juden, erläuterte wichtige Details aus dem jüdischen Glaubens- und Alltagsleben und beantwortete Fragen. Ganz besonders: Im Anschluss an die Führung lud er die KJV-Gruppe noch zu Kaffee und Kuchen ein, um das Gespräch fortzusetzen.

Blick auf die kostbaren Torarollen. Foto: Corinna Blümel
Ein blauer Vorhang schützt den Toraschr ein. Adam Lehrer zog ihn für die KJV-Gruppe auf. Foto: Corinna Blümel

Für die KJV-Gruppe öffnete Lehrer den Vorhang, hinter dem sich die Torarollen verbergen und erzählte die Geschichte einer besonderen Torarolle, die 1938 stark beschädigt worden war. Der katholische Geistliche Prälat Gustav Meinertz hatte sie aus der brennenden Synagoge in der Glockengasse gerettet und bei sich versteckt. Kurz nach Kriegsende gab er sie der Gemeinde zurück. Wegen ihrer Beschädigungen durfte sie im Gottesdienst jedoch nicht mehr  verwendet werden und wurde im kleinen Museum im ERdgeschuss der Synagoge ausgestellt. 2007 konnte die Tora durch die großzügige Unterstützung des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner in Jerusalem restauriert werden.

Dank einer urkundlichen Erwähnung 312 n. Chr. gilt die Kölner Synagogengemeinde als die älteste nördlich der Alpen. Über die Jahrhunderte wechselten in Köln Zeiten der ­Toleranz und der Verfolgung. Im November 1938 wurden wie überall in Deutschland Synagogen, Geschäfte und Wohnungen jüdischer Kölner geplündert und zerstört, in den Folgejahren Abertausende deportiert und ermordet. 20.000 Köpfe zählte die jüdische Bevölkerung 1937. Gerade mal 50 Überlebende gab es in Köln 1945 nach Kriegsende. Für 11.000 Jüdinnen und Juden ist die Ermordung belegt, über die restlichen gibt es keine  Hinweise. Die meisten werden wohl auch umgekommen sein, sagt Lehrer.

Erinnerung an die ermordeten Kölner Juden. Foto: Corinna Blümel

Heute zählt die (orthdodoxe) Synagogengemeinde Köln (SGK) wieder 4.000 Mitglieder, weitere 150 Mendschen jüdischen Glaubens haben  sich in der liberalen Gemeinde zusammengefunden. Vor allem in den neunziger Jahren wuchs die SGK durch den Zuzug jüdischer Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion stark an – was die Gemeinde vor große Herausforderungen stellte, aber auch das Gemeindeleben bereichert hat.

Die gewachsene Gemeinde brauchte ein Wohlfahrtszentrum und hatte um die Jahrtausendwende die Möglichkeit in der Ottostraße in Köln-Ehrenfeld in das alte „Israelitische Asyl“ zurückzukehren, wo früher schon jüdische Einrichtungen gewesen waren. Das weitgehend denkmalgeschützte Gebäude wurde durch Neubauten ergänzt und bietet heute Raum für das Elternheim, die Sozialabteilung, die Verwaltung, die Lauder-Morijah-Grundschule und die Franz-Herschtritt-Kindertagesstätte. Es wird rund um die Uhr polizeilich geschützt.

Herzstück der orthodoxen Gemeinde bildet aber die Synagoge in der Roonstraße, die ursprünglich von der damals mitgliederstarken liberalen Gemeinde Köln errichtet und die bei den Novemberprogromen 1938 zerstört wurde. Ende der 50er Jahre wurde der neo-romanische Bau auf Betreiben von Konrad Adenauer wieder aufgebaut. Der damalige Bundeskanzler und ehemalige Oberbürgermeister von Köln wollte zeigen, dass es in „seinem“ Köln wieder jüdisches Leben gebe. Da es keine jüdischen Künstlerinnen und Künstler mehr vor Ort gab, schmückten christliche Künstler die Synagoge aus. Noch heute etwa zu sehen an der Friedenstaube in einem der Glasfenster. Im jüdischen Glauben spielt die Taube keine Rolle.

Ein Besuch voller interessanter und bewegender Informationen, da waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig.||  cbl