Eine „Brücke zur Tradition“

In Köln-Riehl, an eher unauffälliger Stelle, hat die Jüdische Liberale Gemeinde Köln Gescher LaMassoret e.V ihren Sitz. Hier traf sich am 30. Mai 2012 eine kleine Gruppe der Kölner Journalisten-Vereinigung (KJV) zum Gespräch mit Michael Lawton, einem der Gründer und Mitglied des Vorstands, um etwas über die liberale Gemeinde zu erfahren, die sich als Alternative zur orthodox ausgerichteten Einheitsgemeinde in Köln versteht.

Mit deren rund 5.000 Mitgliedern und der großen Synagoge an der Roonstraße kann sich Gescher LaMassoret nicht messen. Immerhin: In Riehl hat die 1996 gegründete, rund 80-köpfige Gemeinde eigene, wenn auch bescheidene Räume im Souterrain für ihre Gottesdienste, Diskussionen, Filmabende und die anderen Veranstaltungen. Vorher teilte sie sich einen Raum in der Severinstorburg mit anderen Gruppen. „Damals musste die Gemeinde in einen Schrank passen“, erzählt Michael Lawton: Alle Gegenstände mussten nach der Veranstaltung in besagtem Schrank verschwinden.

Was die liberale von der orthodoxen Tradition unterscheidet, wie sich diese Bewegungen überhaupt im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die Aufklärung in Deutschland herausgebildet haben, das erfuhren die KJV-ler von Lawton, der als Redakteur im Englischen Programm der Deutschen Welle arbeitet. Zu den Unterschieden gehören unter anderem die Gleichbehandlung von Männern und Frauen und das Anerkennen wissenschaftlicher Erkenntnisse. Kurz: Das Reformjudentum will zwar Überlieferung und Traditionen respektieren, aber eben auch mit der Zeit gehen.

Bis zum Nationalsozialismus und dem Holocaust war das jüdische Leben in Köln maßgeblich von den Reformern geprägt. Auch die Synagoge in der Roonstraße war damals liberal, ebenso wie weitere kleine Synagogen in verschiedenen Kölner Stadtteilen. Gescher LaMassoret knüpft an diese Tradion an und möchte Anlaufstelle für Menschen sein, die aus liberalen jüdischen Familien stammen, die sich in den orthodoxen Gemeinde nicht wiederfinden, und auch für solche, die sich von der jüdischen Tradition entfernt haben und nun einen Weg ‚nach Hause‘ suchen. Darauf verweist auch der Name: Gescher LaMassoret heißt „Brücke zur Tradition“.

Lawton, der Mitglied in beiden Gemeinden ist, zeigte Verständnis, dass die meisten Juden in Deutschland heute zu den orthodoxen Gemeinden gehören. Gerade Menschen, die keinen engen religiösen Bezug hätten, wollten häufig einfach das Traditionelle, das sie auch aus ihrer Jugend kennen. Und eine große Organisation wie die Kölner Einheitsgemeinde konnte auch den großen Zuzug der osteuropäischen Juden verkraften, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland gekommen sind.

Dabei sei das Miteinander der beiden Kölner Gemeinden nicht einfach, so Lawton. Vorrangiger Streitpunkt sind die Finanzen: Obwohl das Verwaltungsgericht Köln schon 2007 entschieden hatte, dass die große Gemeinde der kleinen einen Anteil an den staatlichen Mitteln abgeben muss, wartet Gescher LaMassoret vergeblich auf Geld. Jetzt setzt man Hoffnung in die anstehende Novelle des Staatsvertrags für NRW, die diesen Punkt in den kommenden Monaten regeln soll.

Auch sonst ist Lawton optimistisch, dass das liberale Judentum in Deutschland an Einfluss gewinnen wird. Nach Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben sich im Mai 2012 drei liberale NRW-Gemeinden zum Landesverband jüdischer Gemeinden in Nordrhein- Westfalen zusammengeschlossen. Über den Landesverband gehören die betreffenden Gemeinden auch der Union progressiver Juden in Deutschland und damit der World Union for Progressive Judaism an.

Für die KJV-Gruppe war es ein spannender Einblick in eine Welt, die sonst vielen verschlossen ist. Einige Kolleginnen und Kollegen nutzten das zweistündige Gespräch erkennbar als Anfang einer Recherche über das liberale Judentum in Deutschland. ||

Corinna Blümel

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